Im Equilibrium der Künste: Der Pianist Roman Rabinovich

Dunkelheit, und dann der evokative, fast schon abstrakte Klang eines Tongemäldes für Klavier und Cello. Eine Leinwand zeigt den weiten Blick auf die New Yorker Skyline bei Nacht, und Bild und Klang scheinen wie im Gespräch. Die Kamera sucht und findet einen jungen Maler, zeigt, wie er in seinen Entwürfen zu verschiedenen Selbstporträts nach künstlerischer Perfektion strebt. Realität, Vision und Selbstzweifel verschwimmen, die Musik hält zusammen, was auseinanderzudriften droht … http://youtu.be/AQSbmf9-Pow (Selbstportrait : Roman Rabinovich)

“Portrait” heisst dieses Kurzfilmportrait des Pianisten und Malers Roman Rabinovich, das eine fast schon satirisch anmutende Mischung aus Chaos, Angst und Verzweiflung als essentiellen Teil des künstlerischen Prozesses darstellt. Im wirklichen Leben zeigt sich Roman Rabinovich jedoch als jemand, der diesen inneren Kämpfen nicht nur gewachsen ist, sondern fast schon geläutert aus dem Prozess hervorgeht. (Foto: Balazs Borocz)

Was natürlich nicht heissen soll, dass dem 1985 im usbekischen Taschkent geborenen israelischen Pianisten die Qualen eines konsequenten Strebens nach Perfektion unbekannt sind.

Sein Debut gab der 10-jährige Rabinovich mit dem Israeli Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta. Dem folgten Jahre intensivster Studien mit Lehrern wie Arieh Vardi an der Rubin Academy of Music in Tel Aviv, Seymour Lipkin am Curtis Institute of Music in Philadelphia und Robert McDonald an der New Yorker Juilliard School. 2008 dann der Triumph: Rabinovich gewinnt den Arthur Rubinstein International Piano Master-Wettbewerb. Der Lernprozess geht weiter.

“Mich inspirieren viele Dinge”, sagt Rabinovich. “Zunächst natürlich die Musik grosser Komponisten. Es ist ein aussergewöhnliches Privileg, durch die Musik in direkten Kontakt mit den Komponisten zu treten. Je mehr man über ihre Musik lernt, desto realer werden sie als Menschen. Und dann inspirieren mich die kreativen Musiker, mit denen ich arbeite. Manchmal ist es auch ein wunderbares Klavier, oder eine bestimmte Konzerthalle, oder die Energie, die vom Publikum ausgeht.”

Doch dann schränkt er ein: “Inspiration ist ein ausgesprochen mysteriöser und flüchtiger Prozess. Ein guter Auftritt basiert auf penibler Vorbereitung, harter Arbeit und strenger Disziplin.” (Foto: Balazs Borocz)

Auf seiner Zielgeraden in Richtung Exzellenz und Genauigkeit hatte Rabinovich kürzlich die Gelegenheit, den Pianisten András Schiff zu treffen. Dessen Können beschreibt er als ‘perfektes Gleichgewicht von Verstand, Händen und Herz’, und vor allem dafür bewundert er den Ausnahmepianisten. Im Rahmen von Schiffs Carnegie Hall-Meisterklassen unter dem Titel “Bach and Beyond” spielte Rabinovich schliesslich für sein Idol: “Es war ein Schlüsselerlebnis für mich”, sagt er. “Diesen grossen Künstler zu treffen hat zu neuen Impulsen in meiner eigenen Entwicklung geführt, und es ist eine grosse Ehre, mit ihm in Europa zu arbeiten und von seinen wertvollen Ratschlägen und profundem Wissen in Sachen Musik und Kunst profitieren zu können.”

Für die Eröffnungssaison 2014/15 seiner neuen Konzertserie András Schiff Selects: Young Pianists wählte Schiff Rabinovich als einen von drei jungen Pianisten aus, die er als die nächste Generation von Künstlern präsentieren möchte.

Das Programm mit Werken von Bach, Brahms, Bartók und Smetana bietet Rabinovich die Möglichkeit, sein Feingefühl für eine breite Palette von Klaviermusik unter Beweis zu stellen.

Während San Franciscos Classical Voice den Musiker für dessen individuelle, ja ergreifende Interpretationen lobte, und ihm “reifes und selbstbewusstes Spiel jenseits seines Alters” attestierte, erklärt Schiff seine Wahl wie folgt:

“Roman ist ein sehr talentierter junger Pianist, hochintelligent und pfiffig und wirklich authentisch. Er verdient es, gehört zu werden und ich hoffe, dass ich ihm dabei helfen kann.”

Die beiden anderen Pianisten in der Serie sind Kuok-Wai Lio, wie Rabinovich Absolvent des Curtis Instituts (Lio sprang kürzlich für den legendären Radu Lupo bei einem Town Hall-Konzert in New York ein), und Adam Golka, Gewinner des Gilmore Artist-Preises 2008.

Ein weiterer Meilenstein auf Rabinovichs Weg ist sein “Ballets Russes”-Album vom März 2013, für das er von der Classical Recording Foundation als ‘Künstler des Jahres’ ausgezeichnet wurde. Das Album ist nicht nur ein Beispiel für die gefühlsintensiven und eindrucksvollen Darbietungen des Pianisten, sondern auch für die einfallsreichen Arrangements von Werken, die bislang nicht als Solo-Material galten.

Prokovievs “Romeo and Juilliet”, Ravel/Rabinovichs “Daphnis und Chloe”, und Stravinskys “Petrushka” hatten es Rabinovich schon länger angetan, was letztendlich an der starken Verbindung der Werke zu den Ballets Russes liegen mag:

(Roman Rabinovich:Patrushka und Ballerina)

“Wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten, und ästhetisch verschieden, ist doch der Einfluss eines Mannes immer spürbar: Sergei Diaghilev, eine Naturgewalt,” erklärt Rabinovich. “Die Werke sind Teil der Ära, in welcher der Schöpfer der Ballets Russes wirkte, und diese Ära beeinflusste die künstlerischen Trends der nächsten Generation auf entscheidende Weise, indem sie Avantgarde-Musik, Tanz und Kunst zusammenbrachte und neu interpretierte”, erklärt Rabinovich.

Leon Bakst, der das berühmte Bühnenbild für Diaghilevs Produktionen schuf, liefert die Inspiration für Rabinovichs Skizzen und Entwürfe, die figurative Motive aus den Balletten von Prokoviev und Stravinsky umgestalten, und so den Umformungen seiner Transkriptionen von Orchestermusik nicht ganz unähnlich sind: Rabinovichs Transkriptionen verwandeln wesentliche Elemente der Musik in eine intime Auslegung des differenzierten Texts; das komplexe Ballet wird zu einer gezeichneten Repräsentation seiner Hauptdarsteller.

“Visuelle Kunst und Musik haben eine ganze Menge Parallelen – Farben und Linien, Form, Struktur und Textur … sie ergänzen einander und beide Kunstformen fördern meine Kreativität. Ich würde weder die eine noch die andere missen wollen”, kommentiert Rabinovich sein Doppeltalent.

Seine künstlerischen Darstellungen der Petrushka, der Ballerina, die der Daphnis, oder die Zeichnungen von Romeo and Juilliet, sind – wie auch seine musikalischen Arrangements – Teil einer Homage an eine Zeit mit einem ganz spezifischen künstlerischen Flair: dem Paris des frühen 20. Jahrhunderts – einer Stadt voller künstlerischer Dynamik und gegenseitiger Bereicherung, eine Metropole, deren kreatives Ambiente weit über ihre Grenzen hinaus strahlte.

Vielleicht ist es genau dieses Ambiente, das junge Künstler wir Rabinovich in der heutigen zielorientierten Zeit vermissen.

Der Prozess künstlerischer Erkundung mit Gleichgesinnten, und Inspiration durch Interaktion sind denn auch die Elemente, die Projekte wie den Kurzfilm “Portrait” entstehen liessen. Wenn auch das Resultat etwas selbstgefällig scheint, so hat diese Dynamik, wie schon in den Pariser Künstlerkolonien der Zwanziger Jahre, das Potential, medienübergreifende Werke zu schaffen, die den Kern der künstlerischen Erfahrung authentisch wiedergeben.

Der Ausgangspunkt für den Film, der seine Premiere beim Morab Music Festival 2013 in Utah hatte, war eine Komposition von Michael Brown.

“Die Zusammenarbeit hat wirklich Spass gemacht“, sagt Rabinovich über seine Arbeit mit Cellist Nicholas Canellakis and Komponist und Pianist Michael Brown, mit denen er die Musik zum Film aufnahm.  Beide Musiker sind enge Freunde Rabinovichs, und haben vor kurzem ein Duo gegründet. Bekannt sind sie auch für ihre satirische Interview-Show auf YouTube, “Conversations with Nick Canellakis”. Die Gruppe trifft sich regelmässig, um zusammen zu spielen und zu komponieren.

“Nick und ich sind alte Freunde; wir haben uns 2003 am Curtis Institute of Music getroffen und seither spielen wir zusammen. 2008 dann trafen wir Michael, einen ausgezeichneten Pianisten, am Ravinia’s Steans Institute for Young Artists in Chicago, und wir klickten sofort. Wir lieben es, zusammen zu improvisieren, und inspiriert durch meine ‘surface paintings’ schreibt Michael zur Zeit ein Klavierstück für mich.”  (Roman Rabinovich)

Man kann diese Art von Zusammenarbeit zwischen hochtalentierten jungen Künstlern nur begrüssen, und die polymorphe gegenseitige ‘Befruchtung’ über verschiedene Kunstformen hinweg stellt eine Bereicherung für die klassische Musikszene dar. Und vielleicht ebnet sie auch den Weg, auf dem Roman Rabinovich seinem Ideal näher kommt – dem perfekten Equilibrium zwischen Verstand, Händen und Herz, das er an András Schiff so bewundert …

Erschienen in PianoNews November 2014

Leave a Reply