Yuja: “Ich mach’ mein eigenes Ding”

Es gibt viele großartige Auftrittskünstler, die ihr Publikum auf eine persönliche Reise in die Tiefen der Welt eines Komponisten mitnehmen, und dann ist da Yuja Wang, die diese musikalische Welt mit ihrer ganz eigenen Lebendigkeit erlebbar macht. Ihr letzter Auftritt in der Carnegie Hall im Oktober 2013 war ein perfektes Beispiel dafür – ein genialer Wurf und ein Bravourstück virtuosen Repertoires, das die junge Pianistin mit großartiger Beherrschung meisterte. Darüber hinaus war es die von ihr ausgehende innere Vitalität, die das Publikum in ihren Bann zog und Yujas eigene Wahrheit durch die Musik vermittelte.

Zum Interview mit dem 26-jährigen Superstar trafen wir uns bei ‘Indies’, einer kleinen Lounge, wo wir beide Stammkunden sind und die nicht weit entfernt von ihrer New Yorker Wohnung in der Nähe des Lincoln Centers ist.

“Ich reagiere sehr auf das Publikum und lebe von der Energie, die ich im Saal empfinde”, meint Yuja. “Ich bin schon immer aufgetreten, von früh an, und ich lerne mein Repertoire durch meine Auftritte, durch das Spielen kennen – und das hat sich nicht wirklich verändert. Ich muss auftreten, um mich lebendig zu fühlen. Jedesmal ist es anders, es ist ganz organisch. Wenn ich mit anderen Künstlern auftrete, kommen verschiedene Seiten von mir zum Vorschein. So kann ich jeweils eine andere Person sein.”

Ihre Bühnen-Outfits mögen dies ab und zu reflektieren, und so gibt es denn auch immer wieder kritische Kommentare zu Yujas äusserem Erscheinigungsbild, wie zum Beispiel anlässlich ihres sexy ‘Hollywood Bowl’ Auftritts. Yujas Antwort darauf? “Ich bin wie ein Chamäleon; ich reagiere auf meine Umgebung und passe mich dementsprechend an.” Und: “Diese Kritik sagt viel mehr über die Kritiker als über meine Kleiderwahl aus.”

Ihre Freimütigkeit mag etwas mit der Tatsache zu tun haben, dass sie nicht wirklich über den Kritiken brütet: “Ich lese sie nie – was vorbei ist, ist vorbei”, sagt sie mit sonnigem Lächeln. Sie zeigt auch eine erstaunliche Gleichgültigkeit gegenüber der Masse an Publicity, die sie umgibt. Von dem ganzen Zirkus unberührt vermittelt ihre selbstbewusste Persönlichkeit eine leidenschaftliche Unabhängigkeit und fast exzentrische Glaubwürdigkeit, die es ihr erlaubt, ihr verletzliches Selbst zu verstecken und zu schützen. “Ich mag nicht wirklich zu viel über mich selbst in einem Interview preisgeben,” sagt sie, “und irgendwie werde ich sowieso nie ganz korrekt zitiert.”

Für Yuja liegt die Wahrheitsfindung in der Musik: “Ich spiele am besten, wenn ich aufrichtig bin”, erklärt sie. “Genau dann gelingt es mir, mein Publikum zu bewegen. Aber die Wahrnehmung kann sich leicht verändern: als ich zum Beispiel mit dem Aufnehmen begann, war das, was ich zu spielen glaubte, anders als das, was ich dann in der Aufnahme hörte. Manchmal hatte es gar nichts mit dem zu tun, was ich fühlte – es ist so eine Art Schmetterlingseffekt.”

Yuja beschreibt den Prozess, die von ihr angestrebte Aufrichtigkeit in ihrem Spielen zu finden: “Ich spiele, und wenn ich es dann höre, hasse ich es. Ich denke mir, dass ich so viel besser spielen könnte. Dann probiere ich es dreimal, viermal, fünfmal und höre erneut zu, und vergleiche es dann … nur um herauszufinden, dass das erste Mal das Beste war.”

Ein anderer Stein des Anstoßes für Kritiker ist, was sie als ‘reißerischen‘ Stil ihrer Interpretationen bezeichnen – eine Kritik die Yuja so beantwortet: “Ich habe gelernt, Beethoven zu spielen, und ich habe Bach gelernt, aber nie war ich so hingerissen wie bei Rachmaninoff.” Trotzdem wird Yuja im Februar 2014 Beethovens Konzert Nr. 3 zusammen mit dem ‘London Symphony Orchestra’ während ihrer Residenz bei dessen ‘Artist Portrait Series’ spielen.

“Virtuose Partituren haben nicht unbedingt etwas mit einem reißerischem Stil zu tun”, erklärt sie. “Meine Veranstalter planen all diese romantischen und post-romantischen Werke zwei Jahre im voraus, und ich möchte mein Bestes auf die Bühne bringen. Wenn mich aber ein Stück reizt … je mehr es mich persönlich anspricht, umso besser kann ich es spielen und mein Publikum fesseln. Das bedeutet nicht, dass ich nicht manchmal bei soviel Feuer ermüde, das ist sicherlich so. Und man kann immer noch soviel lernen.”

Im Sommer 2014 wird Yuja wieder mit dem Violinisten Leonidas Kavakos zusammenarbeiten; dieses Mal stehen Sonaten von Brahms für Violine und Piano auf dem Programm. Durch Kavakos lernte sie auch den legendären, ungarischen Pädagogen Ferenc Rados kenne; für Yuja ist Rados, der schon als Lehrer für Andràs Schiff bekannt wurde, ein Genie. “Auf der Grundlage seines inhärenten Veständnisses von harmonischen Zusammenhängen gewährt er einen völlig anderen musikalischen Einblick in ein Stück und wie es zu strukturieren ist,“ schwärmt sie bewundernd.

Bei jährlich über 80 Konzerten und Aufnahmeterminen auf der ganzen Welt bleibt Yuja eher wenig Gelegenheit, Zeit an einem Ort zu verbringen. “Irgend jemand fragte mich kürzlich: ‘Wo fühlen Sie sich zuhause?’ Und ich antwortete: ‘Mein Wohnzimmer ist in New York, mein Studio ist in Paris, und in Deutschland nehme ich auf,’ aber letztendlich geht es nicht so sehr um Orte, sondern um die Menschen.”

Sie genießt es, Weltbürgerin zu sein, und es gibt viele Abenteuer jenseits des Klaviers, die sie gerne erleben würde, wie zum Beispiel nach Indien zu reisen und dort eine Weile ohne Internet zu leben. Gleichzeitig weiß sie, dass es jede Menge Mut erfordern würde, sich von ihrem rigorosen Auftrittskalendar frei zu machen. “Trennungsangst” nennt sie es. Und das ist ziemlich genau das, was die 14-jährige Yuja empfunden haben mag, als sie vor 12 Jahren ihre Familie in Peking verließ.

Damals hatte Yujas Lehrer am Zentral-Musikkonservatorium in Peking eine Fortsetzung ihres Studiums am ‘Curtis Institute of Music’ in Philadelphia empfohlen, in der Hoffnung, sie würde mit dem bedeutenden Pädagogen Claude Frank studieren können. Als Yuja schließlich bei Curtis zu einem Probespielen ankam, war es Gary Graffman, der sie unter seine Fittiche nahm.

“Er liebt die chinesische Kultur und er ist ein großer Sammler chinesischer Kunst”, sagt sie über Graffman, der auch den Superstar-Pianisten Lang Lang betreute. “Er lehrte mich vieles über chinesische Geschichte und Kultur. Obwohl er einer anderen Generation angehört, haben wir eine wunderbare Beziehung.” Und zu seinem Lehrstil sagt sie folgendes: “Künstlerisch gab er mir sehr viel Freiheit und mochte es sehr, wenn ich etwas Unerwartetes in der Musik fand. Sein Gesicht leuchtete dann auf und ich liebte diese Reaktion. Ich ‘arbeitete’ daran und fühlte mich inspiriert, ihn erneut zu überraschen.” Graffman, zu dessen 85. Geburtstagsehrung sie im März 2014 am Curtis Institut auftreten wird, ging 2008 als Präsident von Curtis in den Ruhestand. “Ohne ihn wäre meine Karriere gar nichts,” sagt sie. “Er inspirierte mich zutiefst, und stellte durch seine pianistische Traditionsverbundenheit eine direkte Verbindung zur gesamten europäischen Klassik für mich her  … Als ich jung war, träumte ich davon, in Europa zu studieren … bei Curtis spielte ich dann für Künstler, die mich indirekt mit diesen grossartigen Traditionen in Kontakt brachten. Schließlich habe ich auch für Claude Frank, Pamela Frank und Leon Fleisher und viele andere gespielt.”

 

Yuja schätzt es, dass Curtis Wert darauf legt, Freundschaften statt Wettbewerb unter den Studenten zu fördern. “Curtis bietet eine erstaunliche Umgebung; es ist eine kleine Schule, super-freundlich und einladend. Und alles dreht sich darum, Musik zu entdecken und neugierig zu machen. Sie behandeln jeden als sei er die grosse Ausnahme. Curtis hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.”

   Und wie ist es, nicht mehr Teil einer Gruppe von Studenten zu sein? Yuja lächelt und sagt in Gedanken verloren: “Ich bin oft einsam, aber daran bin ich gewöhnt. Selbst als Kind habe ich selten mit anderen Kindern gespielt. Ich war nicht sehr sozial, war aber auch nicht unglücklich darüber. Ich übte und machte mein eigenes Ding.”

Und genau das macht sie immer noch, und nach wie vor sehr erfolgreich.

 

 

 

 

 

Yuja Wangs fünfte Aufnahme mit der Deutschen Grammophon: Piano Concertos, Rachmaninov #3 und Prokofjews Konzert Nr. 2, Op. 16 mit dem Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela unter Gustavo Dudamel ist ab Januar 2014 im Handel erhältlich.

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