Jerome Rose – Visionär am Klavier

Dieser Artikel erschien im Original vom Autor, Ilona Oltuski, bei PianoNews Nov. 2013

Jerome Rose zu Hause

Fünfzehn Jahre schon eröffnet Jermone Rose das alljährliche International Keyboard Institute and Festival (IKIF) an der School of Music des Mannes College in New York mit seinem Klavierkonzert. Das zweiwöchige Festival, das Rose 1999 an seiner Alma Mater gründete, zelebriert das Piano mit Vorträgen, Meisterklassen und Darbietungen der Lehrenden, sowie zwei Gastspielserien.

Das ist selbst für New York eine Menge Klavier.

Das breitgefächerte Angebot und die Vielfalt der Ansätze und Annäherungen an das Klavier tragen zu einer offenen und zugleich sehr entspannten Atmosphäre bei und machen das Festival zu einem ganz besonderen Event. Die Verleihung des mit 10 000 Dollar dotierten Dorothy MacKenzie Competition – Preises, der dem Gewinner/der Gewinnerin einen Auftritt beim nächstjährigen Festival garantiert, ist ebenfalls Teil des Festivals. Der diesjährige Gewinner heisst Kho Woon Kim und kommt aus Korea.

“Um die enorme Menge an organisatorischen Aufgaben zu bewältigen, bedarf es wirklich zweier Elemente, die von ebenbürtiger Bedeutung sind: einer Quelle für das Konzept, und einer Kraft, die die Sache dann durchzieht”, sagt Rose, dessen Frau Julie Kedersha als geschäftsführende Direktorin des Festivals fungiert.

Für die Konzerte, mit denen Rose das Festival eröffnet und die von WFMT Chicago and NPR weltweit ausgestrahlt werden, vertieft er sich ganz in das Werk eines einzelnen Komponisten. Die Auswahl der jeweiligen Werke erscheint jeweils als Teil der “Jerome Rose plays: ‘featured composer’ Live in Concert”-Reihe, die er seit sieben Jahren auf seinem eigenen “Medici Classics” Label bei Yamaha Artists Services in New York aufnehmen lässt. Dieses Jahr hat sich Jerome Rose den Sonaten Beethovens verschrieben.

Doch mehr als das: zusätzlich zu seiner sehr persönlichen Einführung, in der er auch seinen Platz im Universum der Klaviergeschichte erklärt, liefert er auf der diesjährigen DVD eine “Waldstein” – Interpretation, die keinen Zweifel darüber zulässt, dass sich hier künstlerische Reife und persönliche Ausstrahlung zu einer ganz speziellen musikalischen Patina verbunden haben.

Auch das Gespräch mit dem inzwischen 75-jährigen Rose zeigt, dass dieser unternehmerische Pianist and Pädagoge weder an Energie noch an Visionen nachgelassen hat, sondern weitherhin unbeirrt seinen Weg geht, egal wie hoch der Einsatz und das Risiko auch sein mögen.

 

 

Jerome Rose am IKIF

Und wenn es denn wahr sein sollte, dass Pianisten – laut Rose’s Maxime -  so spielen wie sie sind – dann passt sein Ruf als einer der letzten Romantiker einfach perfekt. Und wie versteht er den Begriff  ‘Romantik’? “Am Abgrund spielen, so als hinge dein Leben davon ab”, erklärt Rose.

‘The Romantics’ ist auch der Name des Ersten Internationalen Festivals der Romantischen Bewegung in den Künsten”, das Rose 1981 ins Leben rief und das under der Schirmherrschaft von Prinzessin Alexandra in Londons Royal Festival Hall stattfand.

Rose war einer der ersten, der sich dem Trend einer neuen Gattung von interdisziplinären Festivals verschrieb, deren Mission es war, Theorie und Praxis – Lehre und Aufführungen – zusammen zu bringen. Er erinnert sich daran, wie es dazu kam, dass er sich dieser grossen Aufgabe stellte: “Man sagte mir, dass es nicht machbar sei, und das hat mich herausgefordert”, meint er. Schon damals setzte er sich unermüdlich dafür ein, seiner engen Verbundenheit mit den Komponisten, deren Kunst er während seiner gesamten Karriere studiert und gelebt hatte, eine breitere Perspektive zu verleihen.

In der Planungsphase des Festivals setzte Rose alles daran, dem Direktor des britischen Central Bureau for Educational Visits and Exchanges James Platt sein Konzept nahe zu bringen. Mit Erfolg: Platt liess sich überzeugen und unterstützte Rose. “Tief in meinem Herzen wusste ich, dass es machbar war”, sagt Platt, der auch den Vorsitz des Festivals übernahm.

Was natürlich auch half war, dass Rose ein wasserdichtes Budget vorlegte, in dem es keinerlei Spielraum gab.  Er wollte auf keinen Fall die Fehler, die er bei der Planung eines früheren Projektes fast ein Jahrzehnt vorher gemacht hatte wiederholen. Im Jahre 1973 hatte er das Konzept eines nationalen Festivals amerikanischer Symphonieorchester initiiert, deren Konzerte international übertragen werden sollten. Obwohl er den Gewinner des Emmy-Awards und bekannten Produzenten Curtis Davis sowie Channel 13 bereits auf seiner Seite hatte und namhafte Orchester ihre Unterstützung zusagten, scheiterte das Projekt letztendlich an politischen Divergenzen und Interessenskonflikten. “Wer war ich schon, um zu sagen, wie es gehalten werden sollte’, sagt Rose nicht ohne kritischen Unterton.

 

 

 

 

 

Unbeeindruckt machte Rose trotzdem weiter, zu stark war sein  Bedürfnis, Musikkultur in einem breiteren Zusammenhang zu präsentieren. “Es wird einem klar, dass alle grossen Komponisten sehr kultivierte Individuen waren: Pianist zu sein durchdringt alles”, sagt er, und kommentiert damit auch sein eigenes Leben.

Ein Schubert und Brahms Festival in der Library of Congress in Washington, D.C. und ein umfassendes Liszt-Fest im Jahre 1986 folgten.

 

Jerome Rose und Rudolf Serkin beim Marlboro Festival (mit freundlicher Genehmigung des Künstlers)

 

Wenn Rose über die Einflüsse auf seine Entwicklung als Musiker und Pädagoge spricht, zitiert er immer wieder Marlboro Music, das alljährliche Festival im US-Bundesstaat Vermont. Im Einklang mit der Mission des Festivals, künstlerische Qualität und neue Talente zusammen zu bringen, schaffte Marlboro einen Rahmen, der es vielversprechenden jungen Musikern erlaubte, mit renommierten Künstlern gemeinsam zu proben, zu musizieren und aufzutreten.

“Ich kam 1956 von Rudolf Serkin und Leonard Shure betreut, nach Marlboro”, erzählt Rose. Das Festival veränderte meine ganze Sicht darauf, was es bedeutet, Künstler und Musiker sowie Fürsprecher der Künste zu sein. Nie habe ich mich derart inspiriert gefühlt als hier.”

Zusammen lernen und auftreten – das entspricht genau dem Ansatz, den Rose im Rahmen seiner lebenslangen Karriere als Pianist schon immer verfolgt.

Der hohe Standard musikalischen Könnens und die Unterschiedlichkeit seiner aussergewöhnlich gebildeten Künstlerkollegen motivierte Rose dazu, das Feuer weiter zu tragen: “Mit den grössten Talenten unserer Zeit an einem Ort zu sein – mit James Levine, Van Cliburn, Claude Frank, Alexander Schneider [Budapest Quartet], und so vielen anderen … und dann die Aufführung von ‘Cosi fan Tutte’ in der Marlboro Cafeteria … die ganze Kameradschaft … das war schon alles sehr aufregend”, schwärmt Rose. Und so nimmt es denn auch nicht Wunder, dass er beim Marlboro-Festival ein fast schon kathartisches Erlebnis hatte, welches ihm aufzeigte, dass die Liebe zur Musik auch eine transzendente Dimension hat – eine Erfahrung, die er vor allem an die jüngere Generation weitergeben möchte. Über die kulturelle Wirkung der von ihm organisierten Festivals hinaus hat er das nicht zuletzt auch durch seine Arbeit als Pädagoge geschafft.

 

Als Beispiel seines pädagogischen Ansatzes mag seine Arbeit mit der  polnischen Pianistin Magdalena Stern-Baczeswska gelten. Rose traf Stern-Baczeswska 1996 in einer Meisterklasse in Warschau. Die Pianistin beschreibt ihren Lehrer, der 1961 die Goldmedaille des internationalen Busoni Wettbewerbs gewann, als unschätzbaren Mentor und Vaterfigur: “Die Zeit, die ich mit Herrn Rose am Klavier verbrachte gehört zu einer meiner lebhaftesten Erinnerungen. Er hat mir vor allem geholfen, meine Identität als Künstlerin zu finden, und meine Persönlichkeit und emotionale Bandbreite zu entwickeln.”

Und über die Methodologie ihres Lehrers sagt sie: “Jede Unterrichtsstunde war anders; so interpretierte er die Art, wie wir spielten, und wusste genau, was uns beschäftigte. Manchmal gab es auch eine lange Diskussion über ein scheinbar völlig anderes Thema; ein andermal sass er einfach nur am Klavier und begann zu spielen, ohne ein Wort zu verlieren. Durch ihn habe ich eine wichtige Sache gelernt: dem Publikum ist die Musik nur so wichtig, wie sie es für dich ist.”

Besonders beeindruckend fand Stern-Baczeswska ihre Erfahrungen mit Performer Jerome Rose: “Wenn er spielte, schien es, als ob Musik das Einzige auf der Welt wäre, das zählt. Und obwohl er einschüchternd wirken kann, ist er gleichzeitig der bescheidenste Mensch, wenn es um Musik
geht. Bei seinem Debut im Salle Cortot in Paris zum Beispiel bat er mich, an seiner Generalprobe teilzunehmen. Ich sollte ihn darauf aufmerksam machen, wenn er zu schnell spielte. Wenn es für die Musik von Bedeutung war, wurde der Meister zum Studenten.”

Stern-Baczeswska meint,  “… es gibt viele Pianisten, deren Finger nie danebengreifen, und deren musikalisches Gedächtnis sie nie im Stich lässt. Trotzdem – man verlässt den Konzertsaal und fühlt eine innere Leere … Doch bei den Konzerten von Herrn Rose gibt es immer wieder unvergessliche Momente. Jerome Rose spielt sich eben selbst.”

 

Seine internationale Karriere startete der im US-Bundesstaat Iowa geborene und in San Francisco aufgewachsene Rose mit Anfang Zwanzig. Als seine Karriere dann durch den Einberufungsbefehl während der Kuba-Krise im Oktober 1962 abrupt unterbrochen wurde, war er bereits in vielen bedeutenden Konzerthäusern der Welt aufgetreten. Dank der Aufschiebung seines Wehrdienstes aus Ausbildungsgründen konnte er jedoch als ‘artist-in-residence’ an der Bowling Green State University in Ohio bleiben, was es ihm ermöglichte, jeweils drei Wochen lang aufzutreten und Meisterklassen zu geben.

Noch heute denkt Rose über seine damalige Entscheidung gegen intensive Konzertreisen nach: “Ich habe mich oft gefragt, ob ich mir aus schierem Sicherungsdenken etwas Wichtiges versagt habe, oder ob ich eine kluge Entscheidung traf. Ich habe geheiratet, wir hatten vier Kinder, und ich hatte eine Stelle an einer Universität mit all den Leistungen, die so eine Position mit sich bringt. Jeder Performer weiss, das wir alle Opfer unserer eigenen Standards sind, und auch Opfer der Erwartungen, die die Öffentlichkeit und wir selbst an uns stellen. Für mich waren die Unsicherheiten einer Karriere als Pianist und die Abhängigkeit von Kritikern, Managern und Dirigenten nicht der richtige Weg.”

 

Interview mit David Dubal am IKIF, New York

Aber vielleicht ist er auch ein zu kontaktfreudiger Mensch, um sich ausschliesslich auf lange Proben und ständige öffentliche Auftritte zu beschränken. “Es ist mein Job, viele Menschen zu kennen,” sagt er. Und eines ist sicher: Er hat in seiner langen Karriere die Leben vieler Menschen berührt, und viele andere hat er mit seiner grenzenlosen Begeisterung für klassische Musik inspiriert -  sei es durch seine Präsentationen oder seine Auftritte.

 

Bonnie Barret (Yamaha Artist Services)

Bonnie Barret, New Yorker Direktorin der Yamaha Artist Services, sagt zum Beispiel: “Ich bin wegen ihm zu Yamaha gekommen.” Barret, die zuvor für Steinway und danach für eine Künstleragentur gearbeitet hatte, erlebte Rose bei einem Schubert-Konzert am IKIF, und war von seiner Ausstrahlung begeistert. Rose hatte an dem Abend auf einem Yamaha CFX-Modell, das gerade auf den Markt gekommen war, gespielt. “Auf jedem Sitz lag eine Broschüre, und ich wurde neugierig”, meint sie. “Ich habe das neue Klavier recherchiert und dann Yamaha angerufen, um der Firma meine Dienste anzubieten.”

Für seine DVD-Aufnahmen bei Yamaha Artists Services spielt Rose seit 2007 auf dem Vorgängermodell des Yamaha CFX (dem Yamaha CF3), und seit 2011 ausschliesslich auf dem gegenwärtigen Topmodel, CFX. Mit dieser visuellen Komponente bereichert er bereits bestehende Aufnahmen, die er bei Monarch Classics, Sony, Newport Classics und Vox auf CD gemacht hat. Für seine Liszt-Aufnahmen bei Vox wurde ihm der Grand Prix du Disque verliehen.

“Mir geht es um die Tradition der grossen Meister und um die Bedeutung dieser Aufführungen,” sagt Rose. “Ich möchte aufnehmen, woran ich wirklich glaube”.

Diese Einstellung ist vielleicht auch der Grund, warum Jerome Rose nicht nur seine Ideen in Sachen klassischer Musik im weitesten Sinne durchsetzen konnte, sondern auch dafür, dass er selbst herkömmliche Definitionen einer Karriere am Klavier weit hinter sich gelassen hat.

Pianists Marc-André Hamelin, Jerome Rose

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