Der Pianist Byron Janis – ein amerikanisches Idol

 

Bei einem Besuch in seiner New Yorker Park Avenue-Wohnung zeigt sich der Alt-Star von seiner ganz persönlichen Seite. Während er sich in Reminiszenzen seines Lebens vertieft, umgibt ihn eine Aura ungebrochener Vitalität …

Dieser Artikel ist in PianoNews (Staccato-Verlag) Ausgabe 5/2013 am 1. September erschienen

 

Der US-amerikanische Pianist Byron Janis ist ein Phänomen unter den Musiklegenden – ein Künstler, dessen Auftritte in den Fernsehshows der 50er und 60er Jahre, wie der berühmten Johnny Carson Show, den damaligen Zeitgeist fast genauso bestimmten wie seine Konzerte auf den Bühnen der Welt.

In seinem frühen Leben war es seine pianistische Fingerfertigkeit, seine Ausstrahlung und seine Intensität, die ihm Ruhm und Bewunderung, und zuweilen scharfe Kritik bescherten.

Danach waren es vor allem sein Glaube an die Kraft der Musik und seine tiefe Leidenschaft, die ihm halfen, die ungewöhnlich großen Herausforderungen seines Lebens zu meistern. Sein Mantra ist die Kraft des Geistes über die Materie, und bis zum heutigen Tag inspiriert sein Beispiel.

Byron Janis wurde 1928 als Byron Yankilevitch in McKeesport (Pennsylvania) geboren, und wuchs als hochbegabtes Kind in Pittsburgh auf.

1943 gab der damals 15-jährige sein Debut mit Rachmaninoffs Klavierkonzert No. 2 in c-Moll  op. 18 unter der Leitung von Frank Black und begleitet von Toscaninis NBC Symphony Orchestra in New York.

Zurück in Pittsburgh spielte der junge Janis das grossartige Werk noch einmal, und dieses Mal dirigierte der erst 14-jährige Lorin Maazel.

Wie es der Zufall wollte, saß an jenem Abend Vladimir Horowitz im Konzertsaal. Kurz danach lud der Meister Janis ein, für ihn in New York zu spielen. Janis glaubt, dass es möglicherweise seine ‘nervöse Energie’ war, die Horowitz auf ihn aufmerksam gemacht hatte. „Nervosität im positiven Sinne des Wortes; ohne die kann selbst die großartigste technische Fertigkeit mechanisch wirken.”

Mit 17 wurde Janis Schützling und Schüler von Horowitz. Doch bereits vor dieser Zeit hatte man ihn oft dafür kritisiert, den Stil Horowitz’ zu imitieren – ein Vermächtnis, das laut Janis nicht einfach abzuschütteln war.

So hatte ihn auch seine frühere Lehrerin Adele Marcus vor der engen Bindung an Horowitz gewarnt: „Wenn du mit ihm arbeitest, wird deine eigene Persönlichkeit verloren gehen.” Horowitz war sich dieser Gefahr durchaus bewusst, und vermied es daher konsequent, während seines Klavierunterrichts mit Janis selbst zu spielen. Er machte klar, dass er Janis führen, und nicht indoktrinieren wollte. „Du sollst kein zweiter Horowitz werden, sondern ein erster Janis,” empfahl er dem jungen Pianisten. Gleichzeitig aber achtete er darauf, dass er in den drei Jahren seiner Arbeit mit Janis der einzige Einfluss auf seinen noch beeinflußbaren Schützling blieb. Keine Klavierstunde fiel je aus, und Janis begleitete Horowitz und dessen Frau Frau Wanda sogar auf Konzerttourneen.

Janis fühlte sich in seiner Zeit mit Horowitz verpflichtet, der zu werden, den Horowitz in ihm sah. „Du malst mit Wasserfarben, wenn du mit Öl malen könntest,” hatte ihm Horowitz gesagt. Und das konnte nur bedeuten, dass Janis, um die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen, zu einem großen romantischen Virtuosen werden musste.

Die Liebschaft des 20-jährigen Janis mit Wanda, der Frau von Horowitz, setzte der engen Beziehung zwischen Janis und Horowitz ein jähes Ende.

Doch nun begann der Kampf, den Adele Marcus vorhergesagt hatte: Ohne den Meister im Rücken musste Janis seine eigene Stimme am Klavier finden.

Mit Konzerttourneen durch Europa und Südamerika begann Anfang der 50er Jahre Janis’ internationale Karriere. Seine Auftritte mit den bekanntesten Orchestern und Dirigenten seiner Zeit, so z.B. mit Eduard van Beinum in der Concertgebouw in Amsterdam, dem London Symphony Orchestra unter Antal Dorati, und seine Version von Rachmaninoffs Klavierkonzert No. 2 in c-Moll  op. 18  mit dem London Philharmonic Orchestra unter Norman del Mar erlangten Kultstatus.

Byron Janis mit Vladimir Horowitz

Als Janis 1961 noch einmal nach London zurückkehrte, um Rachmaninoffs Meisterwerk zu spielen, schrieb ein Kritiker über „… die Begeisterung, das Feuer und die Sympathie, die sein Spiel hervorruft … Mr. Byron Janis ist ein aussergewöhnlich talentierter Pianist aus Amerika.”

In Peter Rosens Dokumentarfilm The Byron Janis Story (PBS 2010) beschreibt Janis, dass er vielleicht der erste Musiker war, der anlässlich seines Debuts an der Carnegie Hall zu Fuß gekommen sei. (Janis lebte im Jahre 1957 an der 57sten Straße, wo auch die Carnegie Hall ist).

Zu jener Zeit entstanden einige seiner berühmtesten Aufnahmen: Rachmaninoffs Klavierkonzert No. 3 in d-Moll op. 30 begleitet vom Boston Symphony Orchestra unter Charles Munch, Liszt’s “Totentanz”, Richard Strauss’ “Burlesque” und Rachmaninoffs Klavierkonzert No. 1 in fis-Moll op.1 mit Fritz Reiner und dem Chicago Symphony Orchestra.

1960 wurde Janis vom U. S. Department of State für eine Konzerttournee durch die Sowjetunion engagiert. Nach dem kürzlich verstorbenen US-amerikanischen Pianisten Van Cliburn, der mitten im Kalten Krieg als erster Amerikaner 1958 den Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau gewonnen hatte, war Janis der erste, der sich der breiteren Öffentlichkeit in der Sowjetunion präsentierte und mit seiner Kunst bewies, dass, wie er sagt, „…die USA zu mehr in der Lage waren als Autos zu bauen.”

Die Aufnahmen von Rachmaninoffs Klavierkonzert No.1 in fis-Moll op. 1 und Prokofievs Klavierkonzert No. 3 in c-Dur op.26 mit Kyrill Kondrashin und dem Philharmonischen Orchester Moskau sind das Resultat jener Tour, und wurden zum Benchmark für dieses Repertoire. 1995 gewann die CD-Version den “Cannes Award for Best Reissue”. Peter Rosens Dokumentarfilm enthält faszinierende Filmaufnahmen aus dieser Zeit und kommentiert somit auch den historischen Rahmen von Janis’ frühem Schaffen. *

Der Pianist erinnert sich immer noch gern an seine bahnbrechenden Konzerte in der damaligen Sowjetunion:  „Nach anfänglich feindseligen ‘U2! U2!’ – Rufen, die sich auf den Abschuss eines US-amerikanischen Spionage-Flugzeugs über dem Gebiet der Sowjetunion wenige Wochen zuvor bezogen, zwang ich mich, ganz ruhig zu bleiben,” berichtet er. Doch sobald Janis in die Tasten schlug, veränderte sich die Atmosphäre im Saal schlagartig, und aus Feindseligkeit dem Amerikaner gegenüber wurde Faszination und Solidarität mit dem Künstler. „Als ich zum Ende kam, waren die Menschen ekstatisch und kamen zur Bühne. Aber es war nicht nur die Musik, die dafür verantwortlich war; ich glaube, sie fühlten einfach, wer ich war. Ich war nicht der Feind. Ich war wie sie … ”

Zur selben Zeit hatte das Fahrzeug des Aufnahmeteams mit seinen US-Nummernschildern auf dem Roten Platz neugierige Blicke angezogen, und viele Menschen besuchten die Konzertproben, die bis spät in die Nacht gingen.

1962 war Janis wieder zu Gast in der Sowjetunion, wo er zusammen mit Benny Goodman erstmalig Gershwins großartigen Klassiker “Rhapsody in Blue” auf die Bühne brachte.

Janis, dessen Ruhm hauptsächlich auf dem Repertoire der großen romantischen Ära beruht, ist der Meinung, dass jegliche Art von Musik im Grunde genommen romantisch ist. Auf besondere Art verbunden ist er jedoch mit Frédéric Chopin, einer der vielleicht am romantisiertesten Figur aller Klavier-Idole, der eine grosse Rolle in Janis’ Leben spielen sollte.

Sein erster Lehrer Abraham Litow hatte den jungen Pianisten auf Chopin aufmerksam gemacht und ihm Chopins Walzer op. 69 No. 2 in b-Moll vorgestellt.  Chopins Musik elektrisierte Janis geradezu, und liess in ihm den überwältigenden Wunsch aufkommen, sich nicht nur intensivst mit Chopins Musik zu befassen, sondern sich auch dem Künstler selbst zu nähern.

Nun fühlen sich zwar viele Pianisten zu Chopins wundersamen Harmonien und Melodien und der Spiritualität des Künstlers hingezogen, doch die musikalischen Begegnungen Janis’ mit Chopin grenzen an das Übersinnliche. „Chopin bringt das Klavier zum Sprechen wie kein anderer,” schwärmt Janis. „Man kann ganz einfach Worte zu seinen Melodien finden.” Und dann setzt sich der großartige Byron Janis ans Klavier spielt Chopins Walzer op. 69 No. 2 in b-Moll für mich… Seine ungewöhnliche Virtuosität und seine Handbewegungen zeugen von langer Erfahrung und einem kreativen Leben; gleichzeitig aber hat sein Klavierspiel auch etwas Frisches, fast jugendliches, und eine ganz eigene Spiritualität. Seine Interpretationen sind nie didaktisch, sondern immer Ausdruck eines zutiefst persönlichen Stils, der auch in Chopin and Beyond, dem Buch, das er mit seiner Frau verfasste, immer wieder durchscheint.

Während einer Konzerttour durch Frankreich entdeckte Janis 1967 im Château de Thoiry, einem Schloss 48 km westlich von Paris Manuskripte  und Partituren zweier bis dahin unbekannter Chopin-Walzer. Schlossherr Viscount Paul de la Panouse, ein Bewunderer der Kunst des Pianisten, hatte Janis und dessen Frau zu einem Besuch eingeladen. Während eines Rundgangs durch die historischen Archive des Renaissance-Anwesens wurde Janis auf eine alte Truhe aufmerksam, die der Ur-Großmutter des Viscount gehört hatte. Zwischen aufwendig gefertigten Kleidern befand sich auch die Korrespondenz des Chopin-Freundes Eugène Sue in der Truhe. Monsieur Sue, Diplomat und Autor des Buches The Wandering Jew war offensichtlich ein Bewunderer der Dame gewesen. Unter den Briefen entdeckte Janis mehrere alte Manuskripte, die von ausgefransten hellblauen Bändern zusammengehalten waren. Er traute seinen Augen nicht: Vor ihm lagen Partituren zu Chopins berühmten Grande Valse Brilliante, op. 18.  Janis erinnert sich an diesen außerordentlichen Moment:  „Ich ging mit den Manuskripten aus dem Jahr 1833 schnell zum Klavier und erklärte, worin die Unterschiede [zu den bereits veröffentlichen Versionen] lagen.

Chopin hatte den Grande Valse Brilliante in es-Dur im Jahre 1835 veröffentlicht, als ihm das nötige Kleingeld für eine Reise zum Rhein-Musik-Festival in Deutschland fehlte. Dort sollten einige seiner Werke aufgeführt werden. Möglicherweise wollte er in Deutschland auch beweisen, dass er in der Lage war, einen Walzer zu schreiben: er hatte diese Musikform erst 1832 in Wien kennengelernt. Laut Janis hatte Chopin in seinen Briefen aus Wien geschrieben, dass der Walzer “ein sehr eigenartiger Tanz” sei.

Nachdem die Société Francaise de Musicologie in Paris die neu aufgetauchten Chopin-Manuskripte verifiziert hatte, stellte der unerwartete Fund am 21. Dezember 1967 die Titelgeschichte der New York Times.

Als erster Musiker seit Chopin führte Janis anlässlich eines privaten Konzertes in Thoiry im Sommer 1969 die Version aus dem Jahre 1833 auf.

Als ob dies alles nicht schon ungewöhnlich genug gewesen wäre, ging die Geschichte sogar noch weiter: Janis war 1973 an die Yale University gekommen, um ein Gespäch über eine mögliche Meisterklasse zu führen (er litt damals schon an den Symptomen seiner beginnenden Arthritis). Im Musikarchiv der Universität wurde er auf einen Ordner aufmerksam, der fast achtlos auf einem der hohen Regale lag. Und wieder wurde Janis fündig: Der Ordner enthielt Versionen des 1967 in Frankreich neu entdeckten Walzers, und dieses Mal waren die Manuskripte aus dem Jahre 1832. Sie enthielten weitere Unterschiede: “Die Noten waren anders akzentuiert und gaben einigen Teilen einen synkopierten Rhythmus; andere Teile waren gestrichen, ein weiterer Teil war nun als ‘dolete’ (‘mit Schmerz’) markiert, und Oktaven waren durch einzelne Noten ersetzt worden,” berichtet Janis. Die Ereignisse um diese Funde kulminierten 1978 in einer französichen Fernsehdokumentation, Frédéric Chopin: A Voyage with Byron Janis.

Von Chopins Leben fasziniert besuchte Janis George Sands Anwesen im französischen Nohant. Dort hatte Chopin die letzten zehn Jahre vor seiner Trennung von Sand gelebt; zwei Jahre später verstarb er.

In Nohant traf Janis auf Aurora, der Enkelin von George Sands Sohn Maurice. Aurora bat Janis, auf dem Anwesen zu spielen. Bei dieser Gelegenheit traf Janis dann auch den Verwalter des Anwesens, Roger de Garat. Zu jener Zeit benötigte Garat dringend Geld, um zu verhindern, dass die Einrichtung von Nohant scheibchenweise unter den Hammer kam. Janis erhielt von Garat eine von drei verbleibenden Original-Totenmasken Chopins; da Janis Chopin so sehr liebte, hatte Garat das Gefühl, die Totenmaske sei bei Janis gut aufgehoben. Garat machte Janis auch zum Vorsitzenden einer musikalischen Gesellschaft, der ‘Les Amis de Chopin’ (Freunde Chopins), doch diese existierte nur eine kurze Zeit.

Janis beschreibt unerklärliche und intensiv mysteriöse Ereignisse rund um die Maske, die alle auf eine tiefe spirituelle Seeelenverwandtschaft mit Chopin schliessen lassen, und außerhalb der Grenzen unserer Wahrnehmungsfähigkeit liegen. „Chopin selbst hat immer stark an eine andere Welt geglaubt,” sagt Janis. „Das ist sehr wichtig. Manchmal, wenn ich seine Werke spielte, machte ich out-of-body Erfahrungen. Für jeden Künstler sind das die erhabendsten Momente überhaupt.”

Janis’ bemerkenswerte Resilienz, die ihn durch alle Widrigkeiten seines Lebens geführt hat, ist durchaus schon genug, an das Übernatürliche zu glauben.

Er ist der lebende Beweis dafür, dass es möglich ist, Krankheit und körperliche Schmerzen und Einschränkungen, und sogar Unglaube mit nichts als einem großen Reservoir an tief inspirierter Liebe zu überwinden.

Trotz einer ernsthaften Fingerverletzung in seiner Kindheit, trotz chronischer Schleimbeutelentzündung  (Bursitis), Schultersteife und – mit nur 45 Jahren – einer schweren Psoriasis-Arthritis, die er lange geheim gehalten hatte, lebte Janis seine Bestimmung als begnadeter Pianist, soweit es ihm ob der Schmerzen möglich war, intensiv aus und blieb seiner Kunst immer treu.

Jahrelang gab er Konzerte ohne zu wissen, wann der Schmerz einsetzen würde und wie lange er in der Lage wäre zu üben, ohne seine entzündeten Gelenke zu irritieren. Bedrohlicher noch war die Ungewissheit, dem Vergleich mit ‘normalen’ Pianisten standhalten zu können, und die Angst, dass Musikmanager, Berater oder – schlimmer noch – Kritiker von seiner Behinderung erfahren könnten.

Von seinen ersten fünf Operationen blieb Janis 1973 ein kürzerer Daumen; nach den Eingriffen erfuhr er, dass sie hätten verhindert werden können. Das war tragisch für ihn. „Musik war mein Leben”, sagt er. „Ich dachte, dass ich ohne Musik nicht leben könnte.”

Depression und Selbstzweifel wurden zeitweise zu seinen engsten Begleitern, aber dennoch: Janis nahm seine Karriere immer wieder auf. Er hatte eine Fingertechnik entwickelt, die es ihm erlaubte, schmerzende Finger durch nicht schmerzende zu ersetzen. Doch ganz besonders schwierig wurde es für ihn, wenn der Schmerz kurz vor Konzertbeginn einsetze, und er lediglich durch einen ständigen Wechsel in seinen Bewegungsabläufen der Situation Herr werden konnte.  Für die meisten Musiker wäre eine Strategie, die streng konzipierte Bewegungen jederzeit durch Alternativansätze ersetzen konnte, schlicht undurchführbar gewesen.

„Ich hatte sogar eine periphere Sicht entwickelt, die es mir ermöglichte, meine fünf Finger und die Tastatur gleichzeitig im Blickfeld zu behalten,” erläutert Janis seine unorthodoxe Technik.

Mit der Zeit waren Janis’ Auftritte ob seines ständigen Kampfes mit seiner von Schmerzen bestimmten Realität selten geworden. Doch dann bekannte er sich öffentlich zu seinem lange geheimgehaltenen Leiden, und verwandelte seine schwere Last in einen Akt beispielhafter Courage, indem er Botschafter der Arthritis Foundation wurde.

Seinem persönlichen Stil blieb er auch treu, als er 1984 im Weissen Haus auftrat. Anlässlich dieses Konzertes verkündigte Nancy Reagan, dass der Pianist ebenfalls an Arthritis leide, eine Tatsache, die Janis mit den Worten “Ich habe Arthritis, aber meine Arthritis bestimmt mich nicht” kommentierte.

Seine Frau Maria Cooper Janis, Tochter des legendären Schauspielers Gary Cooper, und die Liebe seines Lebens, blieb in all diesen schwierigen Jahren standhaft an seiner Seite. Sie motivierte Janis, die Filmmusik zu einem Dokumentarfilm über ihren Vater zu schreiben. Die Komposition war derart erfolgreich, dass sie Janis erlaubte, als Komponist ganz neue Wege zu gehen (Turner Network strahlte die Produktion 1989 aus). Weitere Meilensteine auf seinem Weg als Komponist waren das musikalische Thema des Global Forum on Human Survival in Oxford/England 1988 (das “The One World”- Lied) und seine Arbeit an der Musikversion von The Hunchback of Notre Dame.

Janis’ entschiedenes Engagement, die heilende Kraft von Kunst und Musik zu fördern, hat nie nachgelassen – auch was das eigene Wohlergehen angeht. „Ich bewahre mir meine Energie für meine eigene Kreativität auf,” sagt er, wohlwissend, wie sehr ihm seine Liebe zur Musik auch heute noch, im Alter von 85 Jahren, hilft. Seine Motivation ist am ehesten spürbar, wenn er in der gemütlichen Park Avenue-Wohnung, die er mit seiner Frau Maria teilt, an einem der beiden Pianos Platz nimmt. Einer der Flügel war einst m Besitz von Gary Cooper, und dessen drei Oscars stehen wie selbstverständlich auf einem kleinen Beistelltisch. Auch im Rest der Wohnung stösst man auf Erinnerungsstücke aus Hollywood, und Gäste wie Frank Sinatra haben überall ihre Spuren hinterlassen.

Trotz der Schatten, die das Auf-und-Ab seiner langen und komplexen Karriere geworfen haben, lässt sich das Echo früherer Grandeur bei Janis’ heutigen Auftritten nicht verleugnen. Die meisten dieser Auftritte sind Anliegen gewidmet, die ihm sehr am Herzen liegen. So unterstützt er die Arthritis Foundation, das Yamaha Music and Wellness Institute, für das er auch als Berater tätig ist, und ProMusicis, eine Organisation, die das Engagement junger Musiker in sozialen Projekten fördert. Unter den vielen Auszeichnungen, die Janis über die Jahre für seine humanitäre Arbeit erhalten hat, bedeutet ihm ein erst kürzlich verliehener Preis besonders viel: Am 2. Mai 2013 erhielt er in Anerkennung seines Engagements für den Staat Israel die Ehrendoktorwürde des Hebrew Union College in Jerusalem.

Janis kennt keinerlei Ressentiments, wenn er über sein langes und intensives Leben am Klavier und darüber hinaus spricht; nach all seinen – zum Teil überraschenden – Comebacks, fasst er  seine Erfahrungen und sein heutiges Leben ganz pragmatisch zusammen, wenn er sagt: „Es gibt heute Dinge, die sich im Vergleich zu dem, was ich in der Vergangenheit gemacht habe, besser anfühlen.“ Und : „Mein Leiden hat etwas an die Oberfläche gebracht, und es mir ermöglicht, Menschen fühlen zu lassen. Wirkliche Künstler erlauben keine Ausreden – sie tun, was sie tun müssen. Ich würde nicht nach perfekteren Händen für mich fragen wollen. Was ich gelernt habe, hat mich zu dem gemacht, der ich bin.”

Trotz der Tatsache, dass er das eine oder andere Detail vergessen haben mag, ist  Janis immer noch ein überzeugender Geschichtenerzähler, und seine großzügige Lebensphilosophie spricht für sich: „Nach Perfektion zu streben ist schon in Ordnung,” sagt er,  „… solange man weiss, dass man sie nie erreichen wird. Du spielst die richtigen Noten, und dann passiert irgend etwas Unerwartetes … Wirklich grosse Künstler sind Meister in der Kunst der Unvollkommenheit.”

*Der Film ist in der 11 CD-Box der Werke Janis’ enthalten. Sieben der CDs sind re-masterte Versionen  früherer  Aufnahmen. Ebenfalls enthalten ist die Originalaufnahme von Mussorgskys “Bilder einer Ausstellung.” (Sony April 2013)

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