Pianistin /Komponistin /Dichterin /bildende Künstlerin Lera Auerbach – surreale Kreativität!

Lera Auerbach Foto: F.Reinhold

Sicherlich, sie ist eine großartige und temperamentvolle Pianistin, aber das Klavier ist nur eines von vielen Ventilen ihrer kreativen Inspiration, Teil der schier endlosen Facetten ihrer künstlerischen Persönlichkeit. Sie erfreut sich als eine der heutzutage überzeugendsten und vielseitigsten Komponisten größter Nachfrage und ihre russischen Gedichte eignen sich bereits als Pflichtlektüre in russischen Schulen und Universitäten und haben ihr den renommierten Puschkin Literaturpreis (1996) eingebracht. Sie unterhält einen aussagekräftigen Blog namens The Trouble Clef auf der Best American Poetry Website. Und das ist nicht alles. Sie hat kürzlich auch einige beeindruckende visuelle Kunstwerke geschaffen, die in diesem Jahr zum ersten Mal in der Moskauer Sistema Galerie ausgestellt werden. Sie beschreibt ihre jüngsten künstlerischen Anregungen als therapeutisch, besonders nachdem all ihr persönliches Hab und Gut, einschließlich ihres geliebten Klaviers vor zwei Jahren, einen Tag vor ihrem Geburtstag, einem verheerenden Feuer zum Opfer fiel. Eine Collage der verbrannten Überbleibsel, die von diesem Klavier stammen haben ein speziellen, sehr persönlichen Platz an Wand ihres Arbeitszimmers gefunden.

Was ihre Musik betrifft, ihre Kompositionen, die sich teilweise auf die musikalische Sprache von Schostakowitsch beziehen, reichen von den innigsten Werken, wie ihre bewegenden 24 Präludien für Cello und Piano, die ich sie diesen Juli mit dem Cellisten Gautier Capuçon beim Verbier Festival aufführen sah, (sie spielt oft ihre eigenen Werke in der Tradition der Pianisten-Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts) bis hin zu Werken in großem Stil, wie ihre brandneue Oper Gogol. Dieses Werk, in ihrer Muttersprache aufgeführt, hatte am Wiener Theater an der Wien am 15.Oktober als Auftragsarbeit des Wiener Theaters, mit deutschen Untertiteln, seine Weltpremiere. In Gogolversucht sich Auerbach an “einem Traumbild der inneren Leidenschaften {des Schriftstellers} Wahnsinn und Genie” und die 1973 in Russland geborene Künstlerin, die eine klare Begeisterung für die dramatische Erzählung hat, bezieht sich auf das russische Element, das stark von den Erfahrungen ihrer eigenen persönlichen und kulturellen russisch-jüdischen Herkunft beeinflusst ist. “Russische Geschichte ist ein schauerliches Märchen von dem dieses Land nie erwachen wird,” gab Auerbach in ihrem Blog-Eintrag im April bekannt, ein Glauben, den sie auch künstlerisch in Russian Requiem, einem ihrer früheren Werke, im Jahre 2007 erkundet hat.

Gogol

Als Gastkomponistin beim Bremer Musikfest zu dieser Zeit (von 2006-8), bekam sie in Zusammenarbeit mit der Bremen Gesellschaft (interessanterweise einst der Auftraggeber für Brahms Deutsches Requiem), die Gelegenheit, ihr Traumstück zu schaffen. “Mit all den tragischen Ereignissen in der russischen Geschichte der Unterdrückung, kontinuierlichem Leiden,” erläutert sie in ihrem lebendigen, munteren russischen Akzent, “wollte ich mit einem spannungsgeladenen Effekt, dem Klang von Glocken, dem Läuten– von echten Glocken – und dem Orchester, das dann miteinstimmt, beginnen – nicht wie bei einer normalen Konzertaufführung, sondern wie bei einer heiligen Messe. Sie setzten sich mit all meinen verrückten Ideen auseinander und machten das Unmögliche möglich. Die große Kathedrale in Bremen lässt nur für eine besondere Messe oder in einem Notfall ihre Glocken läuten. Auf diese Weise beraumten sie eine besondere spezielle heilige Messe für die Geburt meines neuen Werkes an, die 20 Minuten vor dem Konzert aufhörte und sie ließen also die Glocken die Orchesteraufführung einläuten bei weit offenen Türen der Orchesterhalle, die den Klang der Glocken hereinließen. Es war ein recht großes Spektakel und das Russische Requiem reiste dann nach Cuenca (als Mitauftragsarbeit vom spanischem Festival religiöser Musik) und nach Riga weiter.”

Mein Treffen mit Auerbach in ihrer New Yorker Altbauwohnung in der ‘Upper Westside’ fand zur geschäftigsten Zeit statt. Sie war soeben aus Dresden zurückgekommen, wo sie Klavierkonzerte gegeben hatte und war gerade mit dem Schreiben einer weiteren Requiem-Messe für Chor, Orchester und Solisten beschäftigt, die von der Dresden Staatskapelle in Auftrag gegeben war, wo sie während dieser Spielzeit die Gastkomponistin ist.

Die neue Requiem-Messe soll im Februar 2012 uraufgeführt werden. Aber gerade musste wurde sie zu einer anderen Premiere einer neuen a capella Oper – The Blind [die Blinden], für die Berliner Kammeroper am 13. Oktober und zu ihrer Ballett Partitur für

Cinderella

Cinderella – für das finnische Nationalballett in Helsinki und von John Neumaier choreographiert– am 14. Oktober zurückerwartet, welche zahlreiche Wiederaufführungen in Moskau und Hamburg erleben wird.

Auerbach mag es, über den künstlerischen Schaffensprozess zu sprechen, ein Thema, mit dem sie sich ständig aktiv durch ihre eigenen künstlerischen Werke wie auch in ihren Betrachtungen und Beobachtungen auseinanderzusetzen scheint. In ihren Werken bezieht sich die Geschichte oft auf deren künstlerische Erkundung. In Gogol, zum Beispiel, stellen die Charaktere eine Tortur für den Schriftsteller dar. Er empfindet quälende Schuld dafür, schlechte Figuren zu schaffen, was zu einer religiös eindringlichen Vorstellung wird und ihn dazu veranlasst, sein sündhaftes Werk zu vernichten. Am Ende sind es die Figuren, die Gericht über den halten, der sie erschaffen hat.

In Auerbachs Meeresjungfrau, die auf dem Märchen von Hans Christian Andersson beruht, erkundet sie die Beziehung vom Erschaffenen und dessen Erschaffer. Hans Christian Andersson, der seine Schöpfung schützen will, muss sich eingestehen, dass die Meeresjungfrau ihr eigenes Leben hat und frei ist. Hierin spiegelt sich Auerbachs generelle Haltung der Kunst gegenüber wider:”Es spielt keine Rolle, wie man sich fühlt; was zählt, ist das Werk selbst. Man stellt sich darauf ein, ein Instrument des eigenen Werkes zu sein, und lässt das Werk sich selbst gestalten. Ich habe einen großen Plan im Kopf, aber dann lasse ich diesen fallen und sehr oft wird aus dem Werk etwas anderes, als ich es ursprünglich in Kopf hatte und ich lasse das zu …” meint sie hinsichtlich ihrer Kreativität. In einem vor kurzem mit der deutschen Presse geführten Interview gestand Auerbach ein:”Ich glaube das Kunst viel Kraft dadurch gewinnt, dass sie für nachfolgende Generationen ein Image unserer Gegenwart schafft. Kunst kann sich auf die persönlichste und direkteste Weise auf die schwierigsten Dinge beziehen. Wenn notwendig, kann sie auf einer völlig abstrakten Ebene sein. Und sie hat das Vermögen, die Gefühle der Menschen zu erreichen, diese zum Weinen zu bringen, ohne das sie sich vergegenwärtigen, warum das so ist.”

In ihrer Jugend hat sich Auerbach daran gewöhnt, schwere Situationen selbst zu lösen. Als sie nur siebzehn Jahre alt war, musste sie die Entscheidung treffen, ob sie allein in den Vereinigten Staaten bleiben – im Anschluss an ihre russische Konzerttournee nach Amerika – oder aber zu ihrer Familie nach Russland zurückkehren sollte und dabei vielleicht die Chance ihres Lebens zu verpassen.

Ihre Mutter, die in Russland über jeden ihrer Schritte schützend gewacht hatte, ermunterte sie während des entscheidenden Anrufes nach Hause, sich selbst zu entscheiden – trotz des ungewissen Ausgangs. Es war die Zeit eingeschränkter Reisebewilligungen des sowjetischen Regimes und diese Entscheidung ging mit der Selbstlosigkeit einher, im Grunde genommen die Hoffnung aufzugeben, in der nahen Zukunft irgendwelche Zeit zusammen zu verbringen, eine schwierige Aufgabe für typisch russisch-jüdischen Eltern aus der Provinz, die besonders auf ihre Tochter achtgegeben hatten. Bis zu ihrer plötzlichen Ankunft in New York, war die beschützte Auerbach nie allein gereist, ohne von ihren Eltern vom Bahnhof abgeholt zu werden.

Aufgewachsen im recht isolierten russischen Tscheljabinsk, nahe der Grenze zu Sibirien, war Auerbach sehr mit der Welt der Bücher und Musik ihrer Eltern verbunden. Ihre Mutter, eine Klavierlehrerin an der örtlichen Musikschule, bleibt ihre stärkste Inspiration. Es dauerte nach dem Erhalt ihres Künstlervisums fünf Jahre bis es ihr möglich war, zurück nach Hause mit der Gewissheit zu reisen, weiter ihr Studium im Ausland fortsetzen zu können. Erst mit dem Niedergang des Kommunismus war es den Eltern möglich, zu ihr nach New York zu kommen, nachdem sie im Grunde die wichtigsten zehn Jahre der künstlerischen Entwicklung ihrer Tochter verpasst hatten. Auerbach war besonders glücklich, dass die Mutter ihrem Debüt-Konzert in der ‘Carnegie Hall’ im Jahre 2002 beiwohnen konnte, dem einzigen Traum, den sie mit vielen ihrer westlichen Klavierkollegen geteilt hatte. In der Tat war es eine doppelte Premiere für sie – sie trat als Pianistin auf und war die Komponistin ihrer Suite Concertante für Piano und Violine, die von ihr zusammen mit dem renommierten Violinisten Gidon Kremer und dem Kremerata Baltica gespielt wurde.

Die Doppeltätigkeit als Komponistin/Musikerin ist es, die die größten logistischen Herausforderungen in der Lebensplanung darstellt. “So wichtig es auch für mich ist, ein Klavier nahe bei mir zu haben – und ich komponiere teilweise am Klavier, teilweise ohne Klavier – musste ich in den letzten drei Jahren erheblich die Konzerttätigkeit beschneiden. Ich muss längere Zeiträume zwischen dem Konzertieren haben, um mich auf das Komponieren zu konzentrieren. Die großen Konflikte ergeben sich dann, wenn ich auf Tournee bin und Fristen für neue Werke einhalten muss.”

Lera Auerbach Foto:F.Reinhld

Auf welche Weise beinflusst ihr Komponieren ihr Klavierspiel? “Ich spiele Standardrepertoire, aber ich höre es auf andere Weise und ich spiele nur Stücke, von denen ich glaube, etwas Neues sagen zu können. Zum Beispiel habe ich eine sehr persönliche Art die Bilder einer Ausstellung von Mussorgsky zu spielen; ich mag es, mir einige Freiheiten zu nehmen, wie es für die Auftrittskünstler /Komponisten früherer Generationen üblich war. Es gibt nicht so etwas wie einen guten Klavierklang. Es gibt nur die Magie, das Klavier mit einer anderen Stimme zum Singen zu bringen, indem es die Charakteristika anderer Instrumente annimmt. In den Händen eines großen Auftrittskünstlers wird es zu einem psychologischen Mittel das Publikum so zu hypnotisieren, um sich ihrer Vorstellungskraft auf die bestmöglichtse Weise zu bedienen.”

Auerbach betrachtet es nicht als einen entscheidenen Faktor, in ihrer Karriere eine Frau zu sein. “Es ist eine Frage der Wahrnehmung. Was mich angeht, sehe ich keinen Unterschied, und man entschließt sich, über diesen Begrenzungen zu stehen, “meint Auerbach, und trägt dabei der Tatsache Rechnung, dass zu einem gewissen Grade doppelte Maßstäbe gelten. Aber sie fühlt sich so, als ob sie niemandem etwas beweisen muss,” und die junge, verheiratete Künstlerin, die keine Kinder in ihrem Leben sieht, beantwortet diesbezügliche Frage einfach mit: “Meine Werke!”

Neben ihren Studien an der ‘Manhattan School of Music’ und bei ‘Juilliard’, wo sie Klavier bei Joseph Kalichstein und Komposition bei Milton Babbitt und Robert Beaser studierte, verbrachte sie auch Zeit mit dem norwegischen Beethoven-Spezialisten Einar Steen-Nokleberg in Hannover, eine Zeit, die sie als eine lohnende Erfahrung beschreibt. Im Grunde sieht sie eine wirklich engagierte Selbstauseinandersetzung, die Bereitschaft und Neugierde kontinuierlich wachsen zu wollen, als die Voraussetzungen für jegliches erfolgreiche Ergebnis im Lernprozess an. “Wenn der Student bereit ist, wird der richtige Lehrer auftauchen” lächelt sie wissend.

Im Jahre 2007 vomWorld Economic Forum zum “Young Global leader” ernannt, erfährt Auerbachs allgegenwärtig kreative Renaissance-Stil Präsenz international volle Anerkennung von ihrem zeitgenössischen künstlerischen Umfeld. In Deutschland erhielt sie den renommierten Hindemith Preis und beim Pacific Music Festival taten sich das Tokyo String Quartet und die Sapporo Symphony zusammen, um ihr Werk Fragile Solitudes aufzuführen.

In New York brachten Musiker wie Wu Han und David Finckel der New York Chamber Music Society, Auerbachs Werke ans Lincoln Center. Auerbach verlässt sich jenseits der Premieren auf langjährige Kollegen, die ihre Gesamtauswahl an Streichquartetten gespielt und für Archivaufnahmen aufgenommen haben, ihre Werke lebendig zu halten, wie es beim Borromeo String Quartet der Fall ist. Sie erkennt auch die Effizienz der Music Accord Organization, welche von verschieden Konzertorganisatoren gebildet wurde und dabei zusammenarbeiten, das Leben der Werke zu verlängern, die am Lincoln Center ihre Premiere hatten, indem sie die Werke auf Tournee in verschiedene Veranstaltungsorte bringen.

Lera Auerbach in Verbier Foto: Aline Paley

In der nahen Zukunft plant die Komponistin das Konzertieren mit einer Künstlerin, die sie bewundert und jüngst beim Verbier Musik Festival aufgetreten ist, und zwar die in Boston beheimatete Violistin Kim Kashkashian, für die sie eine Abschrift von Schostakowitch’ 24 Preludes für Cello und Piano, für Viola arrangiert, geschrieben hat.

Am 15. November wird der Violinist Leonidas Kavakos eine Auswahl von Lera Auerbachs Präludien für Violine und Piano, Op. 46a, an die Carnegie Hall bringen.

Audio und Video: http://leraauerbach.com/content/audio_video.php

Ihre Website: http://www.leraauerbach.com/

Ihr Blog: http://blog.bestamericanpoetry.com/lera-Auerbach-the-trouble-clef/

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