Downtown New York und die Neue Klassische Musikszene

Neue Veranstaltungsorte öffnen ihre Türen für die klassische Musik. In letzter Zeit kann man starke Veränderungen in der Wahl der Aufführungsorte für klassische Musik beobachten. Mag sein, dass die Wirtschaftslage den New Yorker Immobilienmarkt negativ beeinflusst, für die klassische Musikszene gilt nach wie vor dessen goldene Regel: Lage, Lage und nochmals Lage.

Um dieser Tage Beachtung zu finden, muss ein Konzert in einem Nachtclub stattfinden, mit Vorliebe in ‘Downtown Manhattan’ unterhalb der 14. Straße. Geadelt durch die Auftritte berühmter Künstler haben sich bereits die ersten Favoriten herauskristallisiert. Manager und Werbefirmen ergreifen die Gelegenheit, das Image ihrer Künstler neu zu definieren und machen daher von den neuen Möglichkeiten für CD – Veröffentlichungen und spezielle Aufführungen Gebrauch.

Wenn Künstler klassischer Musik nach ‘downtown’ kommen, führt das zu einer aufregenden gegenseitigen Bereicherung, und die ‘downtown’- Nachtclubszene erweitert ihren Horizont in Richtung Klassik. Gab es zuvor eine klare Trennung zwischen ‘uptown’ – Klassik und ‘downtown’ – Musikszene, so haben Musiker und Fans klassischer Musik nun auch die Möglichkeit, ‘cool’ zu sein.

Zwei Clubs, die sich diesem Trend ganz und gar verschrieben haben, sind Le Poisson Rouge und der Highline Ballroom, beide in Lower Manhattan. 

Bekannt als Veranstaltungsorte für Rock- und Popmusik, wurden deren Programme erweitert und bieten jetzt auch klassische Musik an. Das Besitzer – Team des Le Poisson Rouge, ein klassisch ausgebildeter Cellist, ein Violinist und Komponist – haben Le Poisson Rouge von Grund auf renoviert. Dort, wo einst das historische ‘Village Gate’ stand, ist unter der Leitung von John Storyk, ein hochmoderner Aufführungsort mit flexibler Bestuhlung und einer anspruchsvollen Tonanlage entstanden. 

Ronen Givony, der künstlerische Direktor des
Le Poisson Rouge, den der New Yorker-Essayist Alex Ross einen geborenen Impresario nennt, ist ein Erneuerer von Format, wenn es darum geht, unterschiedliche Teile der Musikwelt zusammen zu bringen und dabei etwas Neues zu schaffen. Vor seiner Tätigkeit für den Club verfasste Givony Subventionsanträge für die Chamber Society des Lincoln Centers. Dort zeichnete er auch für die ‘Wordless Music Series’ verantwortlich, die vom Radiosender Minnesota National Public Radio als gemeinsames Territorium für klassische Musik und Rockmusik gepriesen wurde.

 

“ Ich wollte die Struktur des traditionellen Rockkonzertes und des klassischen Konzertes neu überdenken”, sagt Givony, der zwar selbst kein Musiker ist, dafür aber ein Freund jeglicher Musik. Voller Enthusiasmus konzipierte er eine Veranstaltungsreihe einstündiger Aufführungen, in der er Künstler klassischer Musik mit Künstlern aus den Bereichen Rock, elektronische Musik und später auch Pop paarte, und die zur Hälfte Klassik, und zur anderen Hälfte Rockmusik boten. Über die ganze Stadt verteilte Kirchen, Hallen und Museen dienten als informelle Aufführungsorte für diese Veranstaltungen. “Im Stil der Internet-erfahrenen Personengruppe, die wir erreichen wollten, verzichtete die Veranstaltungsreihe auf jegliche Druckwerbung, sondern verließ sich auf Emails und auf unsere Website”, sagte Givony in einem Interview mit Musical America.
Die Erfahrungen aus dieser Veranstaltungsreihe waren es denn auch, die die Grundlage für das Konzept von Le Poisson Rouge bildeten.

Um mit der jüngeren Generation klassischer Musiker Kontakt aufzunehmen und potentielle Künstler für den Club zu gewinnen, setzte Givony unter anderem auch Facebook ein. Trotz seines Erfolgs bleibt er bescheiden. “Klassische Musik hat sich schon immer in Richtung ‘downtown’ bewegt”, erklärte er mir. “Wahrscheinlich schon seit John Cage in intimen Clubs wie Stan’s Kitchen and Joe’s Pub auftrat. Was wir hier machen, ist alles schon mal dagewesen.” Givony hat ohne Zweifel eine gute Nase in Sachen Auswahl der Künstler.

„ Ich hatte die Gelegenheit, einige meiner Lieblingskünstler bei inspirierenden Auftritten im Le Poisson Rouge zu erleben, so zum Beispiel die Pianistin Lucille Chung, die mit Alessio Bax die gesamten Ligety- Klavierwerke zu vier Händen, sowie Petroushka, die Stravinsky-Partitur für vier Hände vortrug.“

Den viel beschäftigten Alessio Bax, der erst kürzlich den begehrten Avery Fisher-Preis gewann, und der als Pianist sehr ernst genommen wird, ist einer der Künstler seiner Generation, dessen Name Schlagzeilen macht. Gerade erst letzte Woche veröffentlichte er eine bemerkenswerte Sammlung an Bach-Transkriptionen verschiedener Komponisten, ihn selbst eingeschlossen. Vor dem Konzert sprach er über die Wirkung der Petroushka auf ihn, und auch darüber, was es für ihn bedeutete, dieses Werk gemeinsam mit seiner Frau Lucille, die ebenfalls eine grossartige Pianistin ist, aufzuführen.

Und Lucille Chung bemerkte in unserem Gespräch über Aufführungen dieser Art: “Es war auf jeden Fall auch aus wirtschaftlicher Perspektive ein cleverer Zug, ein etwas heterogeneres Publikum für klassische Musik zu gewinnen; viele Leute ziehen einen informellen Ort wie Le Poisson Rouge einem formaleren Rahmen wie einer Konzerthalle vor. Auch ich selbst hatte weniger Probleme, Leute meiner Altersgruppe einzuladen, die ja sowieso ‘downtown’ ausgehen. Die kürzeren Werke, die modernen Komponisten und die etwas ausgefalleneren Stücke wie die zu vier Händen, all das passt so viel besser in diese Gegend – wie alles, was die doch etwas intimere Atmosphäre, die man hier erwartet, unterstützt.Trotz alledem – die Intimität muss – wie auf jeder anderen Bühne auch – nach wie vor vom Künstler geschaffen werden. Die kürzeren Stücke stehen im Einklang mit der kürzeren Aufmerksamkeitsspannne, und auch mit der Erwartungshaltung des Publikums, das sich hier auch sozial auszutauschen möchte.” 

Auf die Frage, wie sie das Servieren von Speisen und den Lärm beim Abräumen der Tische während der musikalischen Darbietungen empfand – beides Dinge, die mich des Öfteren zusammenzucken liessen und es mir schwer machten, auch nur an meinem Wein zu nippen – antwortete Lucille: “Das stört mich eigentlich nicht. Wenn ich erst einmal spiele, bin ich total konzentriert. Viel wichtiger ist die Qualität des Klaviers oder des Flügels – damit steht und fällt alles.”

Man spürt den Geist der Veränderung und den Nervenkitzel des Aufbruchs und der Überwindung traditioneller Barrieren. Und die Musikindustrie ist sensibel genug, um den subtiblen, und gleichzeitig rasanten Veränderungen Rechnung zu tragen.

Der Highline Ballroom ist an einer Ausweitung seines Appeals als Club interessiert, und der Erfolg der klassischen Veranstaltungsreihe des vorigen Jahres im Le Poisson Rouge diente der Highline Ballroom-Musikserie diesen Sommer als Inspiration. Und vielleicht wird ja auch Jeremy Denk das für den Highline Ballroom tun können, was Andy Warhol einst für den Club 54 tat. Dank Denks guten Rufs als klassischer Pianist kommentierte Allan Kozinn von der New York Times dessen brilliante Aufführung. Aber nicht nur das: er gab auch seinen Kommentar zur interessanten Wahl und zum legeren Stil des Veranstaltungssortes ab. Kozinn verschwieg weder die akustischen Probleme noch die Qualität der Verstärker oder die Geräuschkulisse durch das klappernde Geschirr. Trotzdem schrieb er der Veranstaltung ‘das gewisse Etwas’ zu.

Jeremy Denks Aufführung war Teil einer Musikreihe, die Steinway and Sons mit der Leihgabe eines fantastischen Klaviers unterstützt hatten. Wie er mir bei unserem Gespräch kurz nach dem Konzert in einem Café an der Upper Westside erklärte, war er begeistert davon, im Highline Ballroom aufzutreten:

“Mein Manager hat mir den Veranstaltungsort angeboten und der interssierte mich sofort. Das Publikum war jung und offen ….”

Und weiter: “ Es gibt immer mehr Ungeduld mit der stickigen Atmosphäre der Konzerthallen. Klassische Musik muss nicht als einengend erfahren werden. Ich habe den direkten Kontakt und die Nähe des Publikums im Highline Ballroom genossen. Ich fand das entspannend. Der Geräuschpegel, der zweifelsohne existiert, hat mich nicht wirklich gestört. Ich bin selten so entspannt wie ich es an diesem Abend war, und ich würde die Erfahrung jederzeit wiederholen.”

Es wird sich natürlich zeigen müssen, ob es sich hier um eine Modeerscheinung oder ein brilliantes Konzept handelt, das das Publikum mit seinem schlichten Ansatz zu mehr Flexibilität überreden kann, und dazu, Musik für sich selbst sprechen zu lassen, egal ob Radiohead oder Schubert.

In der Zwischenzeit gilt, was Ronen Givony vom Le Poisson Rouge sagt: “Die Qualität der Angebots an klassischer Musik auf unserem Veranstaltungskalender wächst beständig.”

Der Diskurs zum Thema klassische Musik innerhalb unserer Pop-orientierten Gesellschaft lädt weiterhin zum Nachdenken ein. So stellt James R. Oestreich in seinem New York Times – Artikel die Frage “Wer braucht Carnegie Hall”, und kommentiert somit diese Entwicklung. Das Interesse an diesem Themenbereich zeigt sich in der starken Reaktion zu den Alternativen, die zur Auswahl stehen.

Das Publikum gewinnt dabei. Jetzt kann man sein Glass Wein bei klassischer Musik geniessen.

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